Einwurf: Es ist April

Frühling lässt sein blaues Band
wieder mal zu Hause liegen.
Die Schneeflocken im Winde fliegen
und allen steht es bis zum Rand.

Herr Mörike, das ist doch wohl nicht Ihr Ernst? In meinem Lustgarten schneit es quer und das finde ich überhaupt nicht lustig!

Der Frühling, dieser ge-x-te Turnbeutelvergesser, der Name kommt wohl doch eher daher, dass man jetzt früher wach wird, weil es eher hell wird!

Ach wisst ihr was – ich baue mir ein Iglu und dann lege ich mich noch mal hin.

Die Mittwochsweisheit, Folge 11

Freunde, wir müssen mal zur Abwechslung über ein ernstes Thema sprechen. Also aufgepasst, Leselupe justiert und Konzentrationsschalter umgelegt.

Jeden erwischen sie gelegentlich, manche verursachen sie sogar selbst, immer reimen sie sich auf „Zergrätungen“ – die Verspätungen! Und da ja sogar Marilyn Monroe mal Method Acting versucht hat, kommt dieser Eintrag hier gleich mal einen ganzen Tag zu spät. Verzeiht.

Erste wichtige Regel: Die Entschuldigung gehört zur Verspätung wie der Saugnapf zum Oktopus oder der Flansch zur Fläche. Wenn ihr euch also irgendwo verspätet, dann entschuldigt euch gefälligst dafür, selbst wenn es
a) keinen interessiert,
b) niemandem etwas nützt oder es
c) keiner hören kann.

Guter Ton und so, weißte? Ist wie mit einer Sonate von Chopin, nur ohne Romantik.

Apropos ohne Romantik. Die Menschin und ich saßen neulich in einem Zug drin und wir wollten eigentlich erfolgreich abziehen, also gen Süden wollten wir ziehen, zugvogelgleich, nur ohne Vogel. Wir wollten dorthin, wo nicht der Pfeffer wächst, aber das Salz in Bergen herumwürzt, wo der Mozart seine BällchenKugeln auf jeden noch so unschuldigen Touristen feuert, wo die Menschen statt „Kaffee“ hundert andere Sachen sagen, aber NICHT „Kaffee“. Ja, dort wollten wir hin und deshalb stiegen wir in einen Zug, aber entgegen unserer zugegebenermaßen recht konservativen Erwartungshaltung fuhr der Zug nicht zu anvisierter Zeit los, sondern blieb locker flockige 25 Minuten im Ausgangsbahnhof stehen. Das war schade, da sich damit sämtliche unserer 11.265 Umstiege noch vor Reiseantritt in Luft auflösten. Der Schaffner röchelte bereits nach fünf Minuten Überfälligkeit ins Bordradio: „Werte Fahrgäste“, das war ja die erste Verhöhnung – ich plädiere dafür, in solchen Situationen das Wort Standgäste zu nutzen -, „aufgrund eines technischen Problems verzögert sich unsere Abfahrt um wenige Minuten.“

Die Menschin und ich begannen eine hitzige Debatte darüber, ob „Verzögerung“ ein Euphemismus für „Verspätung“ ist, weil es irgendwie sanfter klingt, vielleicht weil da noch ein „Zögling“ mit drinhockt, weshalb man automatisch ein Kindchenschema assoziiert.

Da knistor-
te es wieder im Transistor.

Diesmal schenkte sich der Schaffner die Anrede: „Leider konnten wir noch immer nicht losfahren.“ – ACH SO! Und wir dachten schon, die haben links und rechts des Zuges Kulissen des Bahnhofs montiert, damit uns trotz beeindruckender Reisegeschwindigkeit optisch ein Stand vorgetäuscht wird! „Ich kümmere mich aber darum und hoffe, dass wir unsere Reise bald antreten können.“

Er klang schon ein wenig erhitzt, der Schaffner, und ich stellte mir vor, wie er vorn im Maschinenraum mit der Technik kämpfte, wie er fieberhaft auf den Lokführer oder auf an diesen angeschlossene Touchscreens einhämmerte und schlussendlich, nach oben genannten 25 Minuten, endlich den AN-Knopf findet, mit dem sich der Zug starten lässt. Entzückend war vor allem die Dreistigkeit, mit der wir, nachdem der Zug irgendwann tatsächlich im Schneckentempo zu rollen begann, noch einmal frisch und munter begrüßt wurden: „Werte Fahrgäste“, na gut, diesmal stimmte das, „wir begrüßen Sie in unserem RB …“

Aber ach. Wenn man sich jedes Mal, wenn man Zug fahren muss, darüber aufregt, was alles nicht funktioniert, dann käme man ja nie zum Zuge und hätte seine letzten Züge bald verhaucht. Nee nee nee. Also lobe ich an dieser Stelle, um Vorbild zu sein und bald eine Nachbildung in Form einer überlebensgroßen Statue aus Sandstein zu erhalten, also lobe ich, was wollte ich sagen, ach genau, ich bilde an dieser Stelle vor, indem ich mit Begeisterung verkünde, dass wir am Ende über eine andere Route doch noch ankamen in der Stadt, in der Mozart sich fidel in „Verlängertem“ herumkugelt oder in einem „Kapuziner“ oder gar „Großen Braunen“. (Ist das überhaupt noch politisch korrekt? Na gut, was kümmert das die Österreicher.) Und damit keiner sagt, ich würde wieder nur was vom Pferd erzählen, anbei der Beweis:

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Und damit das ein für alle Mal geklärt ist: Ich bin ein Nachfahre des Wunderknaben, ahu! Verdaut das mal. Ich geh derweile mein Violine ölen.

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Die Mittwochsweisheit, Folge 7

Die Menschin hat in letzter Zeit des Öfteren schlechte Laune. Das tut mir leid, aber manchmal auch ganz gut. Man kann sie nämlich so schön ärgern, wenn sie schlechte Laune hat. Das ist, als sähe man ein altes Fass, dessen Füllung sich beängstigend weit dem oberen Rand genähert hat, und als hätte man zufällig eine Gießkanne mit ein paar Tropfen dabei, und als gösse man dann … egal. Sobald Diogenes rausspringt und dich verprügelt, macht das ja eh keinen Spaß mehr. Also lassen wir dem Fass seine Krone und kehren zur Menschin zurück. Die kam heute nach Hause und schleifte ihre geschliffenen Mundwinkel drei Meter hinter sich über den Boden. Fand der Boden natürlich auch nicht so toppigaloppi, aber den fragt ja keiner. Den treten alle immer nur mit Füßen.

„Was geht?“, fragte die Menschin jedenfalls mit dem Esprit¹ eines benutzten Zahnseideknäulchens.
Rien ne va plus„, verkündete ich sofort, „heutzutage läuft alles nur noch.“
„Also gut. Wie läuft’s?“
Schön warm am Bein runter Es geht so“, sagte ich, „ging schon besser.“

Die Menschin schaute mich lange an. Ihr Blick schwankte, als habe sie Mühe, zunächst sich und dann mich zu begreifen. Also, rein optisch natürlich.

„Na, dann geht’s ja“, erwiderte sie schließlich und senkte sich der Länge nach auf den Diwan herab. Ihre rechte Hand schnipste nach dem Butler, was ungehört in den weiten Hallen des Schlosses verhallte. (Ja ja, ich habe es natürlich schon gehört, aber der, der es hören sollte, der nicht, weil der nämlich nicht so hörig ist wie ich.)

„Du hast den Butler entlassen“, merkte ich an.
„Wir hatten nie einen Butler“, nölte die Menschin und zeichnete mit den Fingerspitzen ihre Augenringe nach.
„Aber das ist ja quasi, als ob wir ihn schon vor sehr sehr langer Zeit entlassen hätten – zu einem Zeitpunkt, noch bevor wir ihn angestellt haben, sodass er nie tatsächlich für uns gearbeitet hat.“

Wieder versuchten ihre Augen, mich einzukreisen und zu fixieren, aber ich war schneller, sprang in die Küche und hachte ein paar Mäppchen.

„Bring den Wein mit!“, ersuchte mich ihre holde Schnittlauchigkeit.
„Hast du Weltschmerz?“
„Ich? Habe nun ach – Philosophie, Juristerei und Medizin … und leider auch Theologie …“

Oh Gott Goethe! So schlimm schon! Ich rollte unser Notfall-Fässchen aus der Küche bis vor den Diwan und propfte einen Strohhalm hinein. Das heiße Bemühen der Menschin verging im Traubenmost. Diogenes hämmerte von innen gegen das Holz und brüllte was von nächtlicher Ruhestörung. Und gerade, als es so richtig interessant wurde,

[Der restliche Beitrag wurde vom Bundesverband deutscher Philosophenschützer einbehalten. Die brauchen auch mal was zum Mittag. Hugo wird demnächst zum Vorsitzenden gewählt, versprochen!]

¹ Das ist keine Schleichwerbung, sondern ein Fremdwort.

Die Mittwochsweisheit, Folge 6

„Hello again“, ich sag einfach: „Hello again …“ – Soviel dazu; seid froh, dass ich es nicht auch singe.

Die Menschin stand neulich im Flur und betrachtete nachdenklich abwechselnd ihr mobiles Endgerät und die Deckenlampe. Ihre Augenbrauen tanzten den Unzufriedenheits-Cha-Cha: Zusammen, auseinander, enger zusammen, wechselseitiges Gehüpfe … Ich legte ihr gönnerhaft eine Hand auf die Schulter und fragte, ob ich helfen gönnekönne.

„Es geht nicht aus“, seufzte sie.

„Wer geht nicht aus?“, fragte ich nach. „Du gehst nicht aus, seit einer Weile schon, aber daran ist doch nicht die Lampe schuld!“

„Ja, nein, hier … ich drücke und drücke, aber das Licht geht nicht aus!“

In dem Moment beschloss ich, eine Schrift über „Nearly Digital Natives“ aufzusetzen, die die Welt verändern würde. Ha, wie würde ich den Stachel ins Herz der wahnwischigen, tattrig-tippernden Ewignachuntenstarrer treiben, wie würde ich ihren Blick mit unbezwingbarer Hand aufheben und in Richtung ernsthafter Probleme schleudern, wie würde ich … Na ja, ich habe leider das Ladegerät vom Laptop nicht gefunden und nun, da ich es auftreiben konnte, ist mir die Lust abhanden gekommen. Und die Menschin schlug sich nach angemessenen zehn Sekunden des Erkenntnisgewinns gegen die Stirn und nutzte den Lichtschalter. Beim Kreuze des X, und dann tat sie etwas selbst für mich noch Erstaunliches: Sie lachte über die eigene Unzulänglichkeit.

Ich habe ja lange darüber nachgesonnen, warum der Mensch sich selbst als Krone der Schöpfung bezeichnet, selbst wenn er im gleichen Zug die Schöpfung anzweifelt. Was bildet er sich nicht darauf ein, also der Mensch jetzt, dass er ein dolles Gehirn habe und super abstrakt denken könne und dass eine weiße Leinwand, als „Neuschnee, unberührt“ betitelt, locker für ein paar Milliönchen den Besitzer wechselt! Da fiel es mir wie Schuppen von der Kopfhaut; die Erkenntnis sengte sich in mein Auge wie ein unerbittlicher Frühsommersonnenstrahl: Das ist es nicht. Der Mensch hat die Welt nicht mehr schlecht als recht seinen Bedürfnissen unterworfen, weil er so großartig ist. (Zugegeben, im Vergleich zu mir ist er schon groß, aber artig …) Nein. Aber er kann, selbst wenn er etwas unfassbar Blödes tut, im Anschluss über sich lachen. Ist das nicht eine Fähigkeit, die jede andere Spezies vor Erstaunen in die Knie zwingt? (Damit wäre das Forschungskapitel „Evolution & Co.“ ein für alle Mal abgeschlossen. Darwin, dank mir später.)

Wenn ich in der Steppe einem Gepard begegne, der sich gepaart unfähig ist, eine dreibeinige asthmatische Antilope zu erlegen, und der Kollege fände das auch noch lustig, dann würde ich dem aber eine Therapie ans Herz legen! Oder einer kichernden Schnecke, die nicht in der Lage ist, mal die große Hausordnung zu erledigen. Oder einem Panda, der selig schmunzelnd nicht wenigstens die einfachsten Kung-Fu-Übungen hinbekommt. Aber die Menschin, die steht im Flur und lacht, weil sie das Licht nicht ausgeschaltet bekommt. Und sowas will noch zur geistigen Elite gehören!

„Du verstehst das nicht. Du bist halt einfach gestrickt“, mault sie mich dann natürlich an, als ich wohldosiert meine Kritik an ihrem Verhalten in den Raum stelle.

„Ich bin gehäkelt!“, opponiere ich opulent.

„Ach, immer die gleiche Masche“, mäkelt die Menschin und kann sich nicht verkneifen, ob dieses schlechten Wortwitzes wieder ein selbstverherrlichendes Grinsen zwischen ihre Ohren zu hängen. Ich hänge meine Aufmerksamkeit von ihr ab und organisiere mir etwas zum Frustfressen. Wisst ihr, das Leben ist wie eine Pralinenschachtel – ich weiß immer, was ihr als Nächstes bekommt!

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Die Mittwochsweisheit, Folge 5

Fangen wir heute gleich mit dem ganz harten Stoff an. Einmal Rilke zur Einstimmung:

Wie hab ich das gefühlt was Abschied heißt.
Wie weiß ichs noch: ein dunkles unverwundnes
grausames Etwas, das ein Schönverbundnes
noch einmal zeigt und hinhält und zerreißt.

[Auszug aus „Abschied“ von 1907]

So, und jetzt packen wir die Taschentücher wieder ein und den Hugo in den Koffer. Ich verabschiede mich nämlich gerade von euch, mit einem lachenden und einem weinenden Auge (was für mich Multitasking im überhöht-anstrengenden Sinn bedeutet)!

Aber keine Angst, es ist nicht für immer, sondern nur für dieses Jahr. Die Menschin und ich haben ab nächste Woche nämlich Urlaub, ha! Nachdem wir die letzten Tage gebacken und gemacht und gemehrt haben wie die Weltmeister, gedenken wir nun, für zwei Wochen in den Keksbergen unterzutauchen, die sich hier an allen Ecken und Enden stapeln.

Noch ein Auszug, diesmal aus dem Keksangebot:

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Aber ich denke, dem geneigten Leser und seiner -in wird es durchaus recht sein, denn ihr habt doch genauso viel zu tun. Man ist zur besinnlichen, ruhigsten Zeit des Jahres ja immer so entsetzlich im Stress! Der Baum will verpackt und angezündet werden, Verwandte ge- oder besucht, schlimmstenfalls noch beschenkt, und apropos Geschenke, die fallen zu Zeiten der Fernheizung ja leider auch nicht mehr durch den Kamin in die gute Stube. Da lob ich mir doch das Osterfest, zu dem man ein paar Eier ansteckt und verpinselt und gut ist. Aber ach, ich schweife ab.

Ihr Lieben, ich wünsche euch schon mal langfristig einen schönen Weihnachtsmann, ein fleißiges Fest und dass mir keiner niest, wenn er ein ordentlich bepuderzuckertes Stollenstück in den Händen hält!

Bleibt gesund und munter
wie ein Fisch und geht nicht unter.
Bleibet glücklich, bleibet froh
wie der Mops im Haferstroh.
Und bleibt lustig, bleibt auch heiter
wie das Fröschlein auf der Leiter.

… oder so. Ich muss jetzt den Feiertagswein auswählen gehen. Beim frostigen X, was hat man hier nur immer für einen Stress. Hicks!

Die Mittwochsweisheit, Folge 4

Dass mir die nachfolgende Geschichte niemand glauben wird, das ist ja eigentlich von vornherein klar. Warum sie also aufschreiben? „Content is king“, würde der Marketing-Mensch darauf antworten. „Das Marketing hat noch nicht begonnen für diesen Tag“, hielte PeterLicht dem Entgegner entgegen. Aber einerseits ist der Mittwoch ja doch schon wieder stark seinem Ende zugeneigt (das zieht dem in der Seite, kann ich euch sagen, aber selbst schuld, wer sich zu selten dehnt!) und andererseits, apropos Peter.

Eigentlich wollte ich die werte Leserschaft diese Woche ja mit einer Rezension von Hermann Hesses Peter Camenzind beglücken, aber das müsst ihr euch leider an den Hut schminken. Das ging ja gleich am Anfang los bei dem. Erstes Kapitel, erste Seite, erste Zeile. Erster Satz.

Im Anfang war der Mythus.

… so lässt der Hermann den armen Peter beginnen und eröffnet damit spornstreichs den Weg zum Ende. Ich dachte, am Anfang war irgendwie Tat oder Wort oder Apfelkompott, aber nee, es war der Mythus! Nun denn … dann kann ich mir den Rest ja auch zusammenreimen, hab ich mir gedacht. Das letzte Wort des Werkes lautet übrigens „auf“. Das ist ja schon wieder ermunternd. Im Anfag steht zwar der Mythus – worauf wartet er denn da eigentlich und ist das dem Anfang nicht unangenehm? – aber am Ende geht es irgendwie nach oben. Das Buch ist also vermutlich komplett als Frage zu verstehen, würde man seine Semantik mal eben zur Satzmelodie transponieren. Weißte wie? Aber ich schweife ab. Lassen wir den Peter mal links liegen und schwingen unsere Aufmerksamkeit nach rechts, direkt auf die Geschichte zu, die ich euch nicht komplett erzähle, weil es mir ja dann eh wieder keiner glaubt. (Oh Mann, der Marketing-Mensch würde jetzt schon von Clickbaiting und Curiosity Gaps schwadronieren, aber zum Glück ist der grad nicht da.)

Ich kam nämlich, um den springenden Punkt mal einzufangen und ein Weilchen mit ihm zu hopsen, also quasi trampen, nur mit hopsen, also dann eher so … tropsen? Jedenfalls, ich kam da neulich, ohne weiteres Zutun meinerseits natürlich, auf den Hund. Beweis:

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Tja, und dann war ich aber da. Der Hund ist eine Hündin und eigentlich ganz ok gewesen, hätte sie nicht dauernd versucht, mir die Haare zu flechten. Naja, Frauen. Ich gewann ihr Vertrauen mit Leichtigkeit und säuselte sie lieblich in den Schlaf, um mich alsdann unauffällig (!) anzuschleichen.

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Klappte auch soweit ganz gut, denn – und das hätte keiner gedacht! – die Dame interessierte sich überhaupt nicht dafür, wo ich herumschlich, sondern pennte einfach weiter. Der faule Hund!

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Naja, und dann ging alles ganz schnell. Sie öffnete im Halbschlaf ein Auge, säuselte etwas, das beinahe nach Matriarchat klang und seitdem habe ich sie am Bein. Oder auch mal am Arm oder am Auge. Also, ich habe natürlich sowieso immer ein Auge auf sie, das ist ja klar. Und wenn sie schlechte Laune hat, dann spielen wir „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, aber da gewinnt sie immer, weil ich meine Zähne noch nicht gefunden hab. Nun, an solchen Kleinigkeiten sollte man sich nicht festbeißen.

Was war denn heute eigentlich nun die Mittwochsweisheit? Ja ähm. Manchmal kommt du leichter auf den Hund als das Jungtier zum Rinde. Gerade jetzt, wo es nachts wieder kühler wird (vor allem draußen).
Darum schließe ich, damit er nicht allzu beleidigt ist, heute dennoch mit Hermann Hesse:

Im Nebel

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein.
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

Hach, traurig, aber wahr. Zum Glück bin ich a) kein Mensch und b) niemals allein, da die Menschin ständig überall ihre Haare verliert Finger im Spiel hat. Und jetzt habe ich ja noch eine neue Freundin. Die sabbert zwar, wenn sie schläft, aber gut, da ist zur Menschin auch nicht mehr viel Spielraum. In diesem Sinne, euch allen schon mal einen schönen dritten Advent!

Die Mittwochsweisheit, Folge 1

Damit eins gleich von vornherein klar ist, ich entschuldige mich hier für überhaupt nichts. Ich kann ja auch gar nichts dafür, und wer etwas dafür kann, das sollte euch infolge eures eingängigen Studiums meiner geistigen Hinterlassenschaften eigentlich auch klar sein.
Wieder wurde ich ferngehalten, des Schreibens entzogen, in seelische Abgeschiedenheit verbannt, und deshalb freue ich mich umso mehr, dass nach derart langer Pause noch immer ein, zwei Augenpaare an diesem Beitrag hängen. Das ist lieb.

Als ich gestern bereits innig dabei war, einen intensiven Beitrag über den derzeit wieder äußerst penetrant anhaltenden Sturm zu veröffentlichen, fiel mir auf, dass ich das bereits vor einiger Zeit getan habe. Damals war’s halt Frühling, jetzt ist es Herbst, aber am Ende ist doch alles eine Soße. Die Jahreszeiten zicken einander an, keiner weiß, wer eigentlich dran ist und Hauptsache, wir machen erstmal Wind! Ach, das ist ein Elend. Aber ich schweife schon wieder ab.

Neulich war ich nämlich mit der Menschin im Theater und davon will ich euch berichten. Da meine werte Mietzahlerin netterweise neben der Brust auch eine Tasche dabeihatte, aus der ich unauffällig ein Auge nach draußen werfen konnte, war ich in der Lage, mir mal wieder ganz lässig Lessing zu geben. Und das kann ich ja jedem nur ans Herz legen.

Es ging um einen Mann, der gern auf Geschäftsreise war (über seine Aufenthalte in Hotels mit oder ohne Begleitung wurde leider geschwiegen) und einmal, als er wiederkam, fand er seine Tochter nur knapp dem Tode entronnen. Hatte die doch tatsächlich das Bügeleisen in der Mikrowelle gelassen und zack, so ein Haus brennt ja ganz gerne mal mit viel Schwung, vor allem wenn die Fassade mit Polystyrol gedämmt ist. Aber das holde Fräulein, im Schönheitsschlaf beinahe zärtlich von den Flammen angezüngelt, wurde von einem Tempelritter gerettet, der wacker in das brennende Haus hineinritterte. Nur das Bügeleisen war hin, aber tja.
Kaum mit der Rettung fertig, verschwand der Rettritter allerdings und war nicht mehr zu sprechen. Termine, Termine. Und als der geschäftsreisende Vater nun endlich nach Hause kam und eiligst zum Retter bretterte, um ihm seinen Dank und reiche Belohnung auszusprechen, war der noch immer nicht allzu begeistert von sich und seiner Courage. Dennoch ließ er sich nicht lumpen, mal auf ein Tässchen Tee im nun wieder nichtbrennenden Haus vorbeizuschneien und verliebte sich natürlich doch recht spontan und unsterblich in die Gerettete. Blöd, dass die sich später als seine Schwester rausstellte … was er mit einem „Ihr nehmt und gebt mir, Nathan! / Mit vollen Händen beides! Nein! Ihr gebt / Mir mehr, als Ihr mir nehmt! unendlich mehr!“ kommentiert.
Da dachte ich kurz, dass ich mir vielleicht zu Weihnachten eine Schwester wünschen sollte, wenn diese doch „unendlich mehr“ als eine Freundin ist. Hm. Aber ich schweife ab. Der Nathan, den der Tempelherr hier euphorisch anschreit, ist nämlich ein weiser Mann. Ein weiser Weiser, weißte? Der versteht sich darauf, weise zu weisen, und ich erkiese deshalb einige seiner Zeilen aus der hoffentlich im Publikum zur Genüge bekannten Ringparabel zur heutigen Mittwochsweisheit:

Nun, wessen Treu und Glauben zieht man denn
Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?
Doch deren Blut wir sind? doch deren, die
Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe
Gegeben? die uns nie getäuscht, als wo
Getäuscht zu werden uns heilsamer war?
Wie kann ich meinen Vätern weniger
Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt.
Kann ich von dir verlangen, daß du deine
Vorfahren Lügen strafst, um meinen nicht
Zu widersprechen? Oder umgekehrt.

In diesem Sinne, Kollegen. Denkt mal drüber nach.

Quelle der Zitate: Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise.

Montagsmotz

Frau Mensch ist neuerdings recht herb –
sie hat jetzt einen Broterwerb.
Deshalb kommt Hugo viel zu kurz!
Doch das, so scheint es, ist ihr schnurz.

Wenn Hugo auf dem Sofa hängt
und sich nur reinen Wein einschenkt,
da hetzt die Menschin durch die Welt
und jagt nach Ruhm (und auch nach Geld).

Natürlich weiß die Menschin schon:
am schwersten ist die Erstmillion!
Doch Hugo will so gern ein Haus –
drum fährt sie jeden Morgen raus.

Indessen schwermütet der Ko-
bold ohne Pause immer so:
„Die Ruh‘ ist hin, mein Herz ist schwer,
ich finde es nimmer und nimmermehr!

Stattdessen wohnt dort nun ein Igel,
der dringend müsst‘ mal in den Tigel …“
Hugo, was soll das nur werden?
Du bist der schrägste Typ auf Erden.

Das Dienstagsding, diesmal: Die Zeitumstellung.

Geneigtes Publikum, bitte richten Sie sich wieder auf, sonst kann ich Ihnen ja gar nicht meinen ganzen Charme in die Augen sprühen. Die dünnen Jahre sind vorbei, der Reichtum winkt aus vollem Halse, auch wenn das eher unangenehm klingt. Ich sage euch, das wird prima!
Endlich habe ich das Problem für meine Lösung gefunden! Und zwar: Ich habe bisher noch kein Theaterstück geschrieben. Doof, was? Nachdem ja eigentlich jedem klar ist, dass
a) das Leben meine Bühne ist,
b) die Menschin ständig Theater macht und
c) für jeden mal der Vorhang fällt,
liegt doch auf der Hand, was zu tun ist. Und da ich ziemlich kleine Hände habe, habe ich auch einigermaßen wenig zu tun. Also lehnt euch zurück oder an euren Nebenmenschen und genießt das Schauspiel.


Szene: Unendliche Weiten, soweit zurechtgestutzt, dass sie auf eine Bühne passen. Zwei Akte tummeln sich in der Mitte des Raumes: die nackte Angst und der blanke Wahnsinn. Sie warten schweigend auf Godot den Bus. Die Zeit donnert herein.

Zeit: Meine Güte, was bin ich heute wieder lang geworden! Habe nun, ach! Vergehen, Erwarten, Kurzweil und leider auch Stillstand durchaus studiert mit heißem Verglühn. Da steh ich nun, ich armer Tropf, und hab noch immer nichts im Kopf.

Der Vorhang fällt. Ein Bühnenmitarbeiter entschuldigt sich und hievt ihn ächzend wieder hoch. Die nackte Angst steckt sich eine Zigarette an. Die Zeit fuchtelt mit großer Geste durch die Luft und lässt ihre unzähligen Arme schließlich sinken.

Zeit: Es ist so kühl, so muffig hie‘! Und eben doch kein Schwan nicht draus! Es wird mir so – ich weiß nicht, wie – ich wollt … Also, mir schwant da jedenfalls nichts Gutes.

Der Bühnenboden öffnet seinen Schlund, hustet kurz und spuckt dann zwei große Hände aus.

Zeit: Oh Schreck, zwei Hände! Jetzt geht’s wohl zu Ände.

Hände: Wir kommen in friedlicher Mission.

Zeit: So nennt euren Auftrag!

Hände: Zweckstand ist widerlos, wir müssen dich umstellen.

Die nackte Angst hustet. Der blanke Wahnsinn lacht schadenfroh. Godot schlurft auf die Bühne, blickt sich irritiert um und geht wieder.

Zeit: Was fällt euch ein! Ihr unverschämten Handlanger!

Hände: Kein Grund, ausfallend zu werden. Wir handeln nur im Sinne des Erfinders. Außerdem kennst du die Prozedur doch schon.

Zeit: Gar nichts kenne ich! Wer hat euch geschickt?

Hände: Schnüffeleien schicken sich jedenfalls nicht.

Die Hände packen die Zeit und stellen sie eine Stunde nach vorn. Fast fällt sie vom Bühnenrand. Im Hintergrund kommt der Bus, doch der Fahrer merkt in der Sekunde, dass er bereits eine Stunde zu spät ist und fährt eilig davon. Der blanke Wahnsinn geht schaukeln. Die Hände huschen davon.

Zeit: Wie wird mir?

Nackte Angst: Vielleicht etwas verrückt?

Die Zeit möchte etwas erwidern, doch der Vorhang fällt erneut. Das Theater schnauft kurz durch und entschwindet dann in einem neuen Zeitfenster. Ende Gelände.


 

Hört auf zu klatschen, ich hör mich ja kaum, Freunde! Was ich eigentlich sagen wollte. Die Zeitumstellung ist für viele Menschen ein Problem. Nicht nur die Menschin pendelt seither durch die Bude wie ein Kind nach einer Stunde auf dem Trampolin. Und alles nur, weil die Zeit sich ohne erkennbare Motivation selbst verschlingt!
Nicht, dass euch mein Beitrag dazu jetzt weiterhelfen würde. Aber wartet nur, bis ich berühmt geworden bin. Das X wird sich dann schon zu helfen wissen! Und bis dahin nehmt euch lieber mal etwas Zeit für euch. Aber bitte kühl und trocken lagern.

Das Dienstagsding, diesmal: Des Frühlings Erwachen

Gut Freunde, den alten Hut zuerst: Was ist das Gegenteil von Frühlinkserwachen? Jawoll: Abendsrechtseinschlafen! Was haben wir wieder gelacht.
Davon abgesehen muss ich sagen, da draußen ist ja ganz schön was los momentan. Das ist ein Sturm, dass man direkt den Drang folgen lassen möchte; ein gefährlich verwehender Wind, der das blaue Frühlingsband ja eher steifbrisig durch die Kante prügelt, anstatt es laulüftig über den Krokus-Armeen flattern zu lassen. Mein lieber Herr Gesangsverein! Aber schön ist das ja schon. Ich habe mich sogar dazu hinreißen lassen, vorhin zur Tagesbeginnung zunächst ein Sonnenbad zu nehmen.

Sonne

Ich hab richtig Farbe bekommen, merkt ihr? Wenn das so weitergeht, muss ich die Menschin anhauen, mir eine Badehose zu häkeln. Aber die hat derzeit mal wieder andere Dinge im Kopf. Der Balkon soll neu bepflanzt werden, jetzt wo die Eisblumen endgültig nicht mehr zu wachsen scheinen.
Natürlich musste ich da erst einmal einen längeren Diskurs über die Seelen der letztjährigen Balkonpflanzen vom Zaun brechen und wäre fast über selbigen hinabgesegelt. Mein Vorschlag, einfach die beinahe bereits fossilisierten Restpflanzen in den Kästen neu anzumalen, wurde natürlich mal wieder nicht erhört.
„Das Leben muss jedes Jahr neu entstehen“, unsinnierte die Menschin und notierte sich zu besorgende Dinge auf einen Zettel. Ob wir wenigstens auch Kakaobohnen anpflanzen könnten, fragte ich, und wie es dieses Jahr mit der Mentha piperita aussähe, der allseits bekannten Hugo-Minze? Doch die Menschin war schon in Sandalen und Strandkleid gehüpft und sprang sonnenbebrillt die Treppen hinab in Richtung 16°C Außentemperatur. Kannste knicken!

Mir ist schon klar, warum der ganze Irrsinn hier „Frühlingserwachen“ heißt. Ich stelle mir den Frühling als ein geschlechtsneutrales, tuffiges, grünes Wesen vor, vielleicht ein bisschen flauschig und immerzu lächelnd. Ich hab da mal heimlich ein Foto für euch gemacht:

Frühling

Er schläft im Winter auf Wiesen und Feldern unter Matsch und Schnee, und sobald die Sonne diese Kruste einigermaßen aufgelutscht hat, erhebt sich der Frühling mit einem epizentrischen Karacho aus dem Boden, sodass die eine Hälfte der Menschheit in erschrockenes Niesen verfällt und die andere Hälfte in extatisches Jubeln. Das ist nämlich auch die tatsächliche Ursache dafür, was immer „Allergie“ genannt wird. Frühblüher, Pollen, Schnupfen im Heu, alles Quatsch. Die Leute sind einfach nur schockiert! Wer wäre das bei so einem Anblick auch nicht? Aber diese Wahrheit wird sich wahrscheinlich niemals durchsetzen.

Die Fragen, die sich angesichts des bedrohlich heranrückenden Osterspazierganges stellen, sind natürlich diese: Gibt es tatsächlich immer was zu tun? Tragen Kater auch mal Gummistiefel? Und warum schrieb Vivaldi keine Partituren für Schneeglöckchen?

In diesem Sine schließe ich heute mit einem frühlingshaften Gedicht:

Frühlingshaftes Gedicht

Der Himmel blau,
die Wiese grün –
im Morgentau
wird es bald blüh’n!

Der Gärtner tänzelt schon heran
mit Kanne, Harke, Spa[r]ten,
und fläzt sich wohlig hin sodann
in seinen großen Ga[r]ten.

Die Gärtnerin nimmt ihn beim Kopf
und gibt ihm ein paar Küsse.
Da packt der Gärtner sie am Schopf
und zeigt ihr seine Gewächshäuser.

In diesem Sinne: Pumpt euch auf und macht die Räder fit! Möge das X mit euch sein!