Die Mittwochsweisheit, Folge 11

Freunde, wir müssen mal zur Abwechslung über ein ernstes Thema sprechen. Also aufgepasst, Leselupe justiert und Konzentrationsschalter umgelegt.

Jeden erwischen sie gelegentlich, manche verursachen sie sogar selbst, immer reimen sie sich auf „Zergrätungen“ – die Verspätungen! Und da ja sogar Marilyn Monroe mal Method Acting versucht hat, kommt dieser Eintrag hier gleich mal einen ganzen Tag zu spät. Verzeiht.

Erste wichtige Regel: Die Entschuldigung gehört zur Verspätung wie der Saugnapf zum Oktopus oder der Flansch zur Fläche. Wenn ihr euch also irgendwo verspätet, dann entschuldigt euch gefälligst dafür, selbst wenn es
a) keinen interessiert,
b) niemandem etwas nützt oder es
c) keiner hören kann.

Guter Ton und so, weißte? Ist wie mit einer Sonate von Chopin, nur ohne Romantik.

Apropos ohne Romantik. Die Menschin und ich saßen neulich in einem Zug drin und wir wollten eigentlich erfolgreich abziehen, also gen Süden wollten wir ziehen, zugvogelgleich, nur ohne Vogel. Wir wollten dorthin, wo nicht der Pfeffer wächst, aber das Salz in Bergen herumwürzt, wo der Mozart seine BällchenKugeln auf jeden noch so unschuldigen Touristen feuert, wo die Menschen statt „Kaffee“ hundert andere Sachen sagen, aber NICHT „Kaffee“. Ja, dort wollten wir hin und deshalb stiegen wir in einen Zug, aber entgegen unserer zugegebenermaßen recht konservativen Erwartungshaltung fuhr der Zug nicht zu anvisierter Zeit los, sondern blieb locker flockige 25 Minuten im Ausgangsbahnhof stehen. Das war schade, da sich damit sämtliche unserer 11.265 Umstiege noch vor Reiseantritt in Luft auflösten. Der Schaffner röchelte bereits nach fünf Minuten Überfälligkeit ins Bordradio: „Werte Fahrgäste“, das war ja die erste Verhöhnung – ich plädiere dafür, in solchen Situationen das Wort Standgäste zu nutzen -, „aufgrund eines technischen Problems verzögert sich unsere Abfahrt um wenige Minuten.“

Die Menschin und ich begannen eine hitzige Debatte darüber, ob „Verzögerung“ ein Euphemismus für „Verspätung“ ist, weil es irgendwie sanfter klingt, vielleicht weil da noch ein „Zögling“ mit drinhockt, weshalb man automatisch ein Kindchenschema assoziiert.

Da knistor-
te es wieder im Transistor.

Diesmal schenkte sich der Schaffner die Anrede: „Leider konnten wir noch immer nicht losfahren.“ – ACH SO! Und wir dachten schon, die haben links und rechts des Zuges Kulissen des Bahnhofs montiert, damit uns trotz beeindruckender Reisegeschwindigkeit optisch ein Stand vorgetäuscht wird! „Ich kümmere mich aber darum und hoffe, dass wir unsere Reise bald antreten können.“

Er klang schon ein wenig erhitzt, der Schaffner, und ich stellte mir vor, wie er vorn im Maschinenraum mit der Technik kämpfte, wie er fieberhaft auf den Lokführer oder auf an diesen angeschlossene Touchscreens einhämmerte und schlussendlich, nach oben genannten 25 Minuten, endlich den AN-Knopf findet, mit dem sich der Zug starten lässt. Entzückend war vor allem die Dreistigkeit, mit der wir, nachdem der Zug irgendwann tatsächlich im Schneckentempo zu rollen begann, noch einmal frisch und munter begrüßt wurden: „Werte Fahrgäste“, na gut, diesmal stimmte das, „wir begrüßen Sie in unserem RB …“

Aber ach. Wenn man sich jedes Mal, wenn man Zug fahren muss, darüber aufregt, was alles nicht funktioniert, dann käme man ja nie zum Zuge und hätte seine letzten Züge bald verhaucht. Nee nee nee. Also lobe ich an dieser Stelle, um Vorbild zu sein und bald eine Nachbildung in Form einer überlebensgroßen Statue aus Sandstein zu erhalten, also lobe ich, was wollte ich sagen, ach genau, ich bilde an dieser Stelle vor, indem ich mit Begeisterung verkünde, dass wir am Ende über eine andere Route doch noch ankamen in der Stadt, in der Mozart sich fidel in „Verlängertem“ herumkugelt oder in einem „Kapuziner“ oder gar „Großen Braunen“. (Ist das überhaupt noch politisch korrekt? Na gut, was kümmert das die Österreicher.) Und damit keiner sagt, ich würde wieder nur was vom Pferd erzählen, anbei der Beweis:

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Und damit das ein für alle Mal geklärt ist: Ich bin ein Nachfahre des Wunderknaben, ahu! Verdaut das mal. Ich geh derweile mein Violine ölen.

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Renn, Tier!

Ist euch schon einmal aufgefallen [oder meinethalben auch mehrfach], dass Rentiere immer ein bisschen lachen müssen, wenn sie niesen? Ist ja auch ziemlich einleuchtend – ein niesendes Ren ist in etwa so lustig wie ein niesender Panda, nur mit weniger Panda und dafür mehr Ren. Stellt euch das mal vor, wenn das arme geweihte Tier sich zufällig auf einer vom Schnee verborgenen Eisfläche befindet und dann niest das … wie das abgeht! Das schießt doch bis weit über den Nordpol hinaus!

Der Duden hat da übrigens noch eine andere hochinteressante Nebeninformation dazu. Fragt man den Duden nach Rentier, dann bietet er nämlich zwei Dinge an: ein Neutrum [das niesende Rutsch-Ren] und ein Maskulinum: den [bzw. der] Rentier. „Jemand, der ganz oder überwiegend von Renten lebt.“
Gnahahah! Gehste den Weihnachtsmann besuchen und triffst im Wald einen Rentier mit roter Nase. Fragste: „Hey Rudi, alte Knopflochrose, was machst du hier?“ – Pöbelt der dich an: „Ich bin nicht der Rudi, ich bin der Gunther!“
… da kommt man doch völlig aus dem Takt, kommt man da. Fehlt nur noch die Rentier. Das ist dann wahrscheinlich eine Herde Rentiere, die aber doch nur aus einem Rentier besteht. Stell dir vor, es wird eine Herde gebildet und keiner geht hin. Früher war alles besser.

Reeeen

[Das ist nur eine täuschend echte Fotomontage. Als ich dem Ren neulich tatsächlich Geweih in Geweih gegenüberstand, war die Menschin nämlich zu verdutzt, um ein Foto zu machen. Die Nuss.]

Abschließende Preisfrage zu diesem Thema: Wem begegnet man, wenn man ein Ren Popo an Popo mit einem anderen Ren stellt? [Ha, geschickt die Mehrzahlbildung von „Ren“ vermieden! Sonst wäre es ein Rene geworden, aber da fehlt ja dann irgendwie wieder der Akzent.]

Na? Na??

Ich sag’s euch nicht. Meine Lippen sind versiegelt. Also, eigentlich sind sie vernäht, aber das klingt gleich wieder so gruselig. Jedenfalls, jetzt mal was ganz anderes. Vor gar nicht mal so langer Zeit befand ich mich in einer Kirche. Das war schön, denn draußen war schlechtes Wetter. Ich stolziere also durch das Gottshaus und versuche, mich nicht unangemessen zu benehmen, als mir plötzlich eine Wandtafel ins Auge fällt. Apropos – ist euch mal aufgefallen, dass ich der einzige coole Typ hier bin, auf den dieses Sprichwort tatsächlich passt? Auch wenn das natürlich wehtut?
Aber ich komme vom Thema ab. Ich verdinge mich also in der kirchlichen Gruft und unterhalte mich mit ein paar Weberknechten, als plötzlich er hier vor [bzw. hinter] mir steht:

Höffi

Wusstet ihr das? Was das wieder für Verflechtungen gibt! Da überlegt man es sich doch mehrmals, direkt vor der Schrankwand zu fluchen. Nicht, dass da mal spontan der Brockhaus runterkippt … Egal. So viel dazu.

Gerade kam im Radio, dass das Tragen von Fahrradhelmen weiterhin optional ist, aber empfohlen wird. Diese Scherzkekse. Wie soll ich so ein Riesending vom Fleck kriegen? Aber worauf ich eigentlich hinauswollte: Morgen ist Mittwoch. Das X steht für Gefahr. Behaltet das im Gedächtnis, wenn ihr mal wieder die Wäscheklammern nach Farben sortiert.

Köln – Können Ölbäume lässig niesen?

Guten Tag alle miteinander. Muss ich erwähnen, dass ich gestresst bin? Ich bin gestresst. Seit Wochen bin ich gestresst und ziehe keinen Mehrwert daraus. Es wäre ja besser, wenn ich hübsch gedresst wäre oder mich in entzückendem Geäst befände oder so, aber wenn immer alles so wäre, wie es besser wäre, dann wäre es ja gar nicht besser sondern schon auf der höchsten Gut-Stufe und man bräuchte „gut“ gar nicht komparieren und ach, dann wär ja auch wieder irgendwer traurig.

Jedenfalls, letztes Wochenende konnte ich erneut nicht in Ruhe meine Balkonbeete auf die Winterruhe vorbereiten [die Sonnenblümchen brauchen dringend neue Winterjacken und der Chili hat einen Heizstrahler angemeldet], sondern wurde diesmal in ein Flugzeug gesetzt.

Einmal dürft ihr raten, wo wir gelandet sind:

Turm

Die ganz fuchsigen Füchse unter euch wussten das vielleicht schon vorher, aber man soll ja nicht zu viel voraussetzen, sonst kommt man über diesen Berg dann am Ende nicht mehr drüber. Klettern ist ja eigentlich eh nicht so mein Ding, aber das wurde von der Menschin selbstverständlich gern ignoriert, sodass wir tatsächlich die fünftausend Stufen bis auf den Turm des entsprechenden Domes hochkeuchen mussten! Ich sage euch … Dauerlauf ist nix dagegen, dabei muss man ja immerhin nicht hoch!
Kaum war ich oben angekommen, wurde ich bereits mit meinem Namen empfangen, das fand ich ja ganz lieb.

Dombeschriftung

Davon abgesehen muss ich aber mal sagen, dass es mir ein völliges Rätsel ist, warum Menschen, die ein Gebäude besichtigen, a) einen Stift bei sich tragen und b) diesen auch noch zur Verschandelung des Bauwerkes benutzen. Haben die früher zu viel Fasermaler eingeatmet oder was? Unklar.
Der Dom war kaum noch zu erkennen, da er von einer dicht ineinandergreifenden Schicht persönlicher Verewigungen überzogen war. Man stelle sich das mal vor, wenn das so weitergeht, irgendwann kommt man nach Köln und findet den Dom nicht mehr! Dann stehen die Touristen neben dem Hauptbahnhof und alles, was sie sehen, ist ein monumentaler Haufen Gekrakel. Naja, irgendwie wäre das natürlich auch wieder amüsant. Aber dennoch.

Ansonsten war es recht nett da oben, auch wenn man eigentlich kaum was Tolles gesehen hat, denn wenn man auf dem Dom steht, sieht man ja den Dom selbst nicht, das ist eine bösartige Krux.

Ausguck   Schwebe

Glöckchen

Irgendwann stolperten wir die fünftausend Stufen wieder hinab und gerieten beinahe in den Tunnel des Bösen:

Tunnel

… aber zum Glück stellte sich das doch nur als der Ausgang heraus. Also, falls einer der werten Leser für sich mit dem Gedanken spielt, die Spitze des Kölner Domes erreichen zu wollen, dann kann ich nur plädieren: Nehmt euch einen Düsenantrieb mit. Oder eine zweite Lunge. Oder lasst euch einfach tragen, höhöhö. Die Menschin hat gar nicht gemerkt, dass ich mich zwischenzeitlich heimlich an ihrem Hosenbein festgeklammert habe … das müssen wir ihr auch nicht sagen. Als Belohnung nach der ganzen Tortur gab es dann nämlich Torte ein Pralinchen.

Pralinchen

Aber das wollte ich ja eigentlich alles gar nicht erzählen. Wie leicht man immer ins Plaudern kommt, wenn einem niemand dazwischenredet oder widerspricht … vielleicht sollte ich der Menschin auch nur noch virtuelle Nachrichten schreiben. Eine Überlegung wert.

Worauf ich eigentlich hinauswollte: Ich bin stark am Grübeln, ob ich vielleicht anfangen sollte, euch zu siezen. Also, Sie zu siezen. [Sieben Siebe siezten sie sizilianisch … das wäre doch mal ein schöner Beginn für irgendwas.] Das klingt dann nämlich viel wichtiger, wenn ich euch siezen würde, und dann könnte ich ein bisschen ernsthaft tun und mir vorstellen, entsprechend ernstgenommen zu werden und also was sich da für Möglichkeiten ergäben! Ich halte euch auf dem Laufenden. Seid nicht überrascht, wenn es plötzlich einfach passiert. Ihr könnt hinterher immer noch behaupten, dass ihr das gar nicht wolltet und nicht vorbereitet wart und es eben … einfach passiert ist.
Aber ich verzettele mich schon wieder. Wusstet ihr, dass unser schönes ablehnendes und häufig als einziger Ausweg erscheindendes Wörtchen „nicht“ die Negation des mittelhochdeutschen Wortes „iht“ (etwas, irgendwas) ist, das man wie „icht“ ausspricht, wie ihr ja bestimmt wisst? Wusstet ihr nicht? Verrückt. Jetzt schon.

Apropos jetzt schon, ich muss jetzt los. Eigentlich wollte ich ja heute auch nur ankündigen, dass es innerhalb der nächsten Tage einen wirklich spannenden Bericht hier geben wird. Es wird um Härte, Schweiß und Stahl gehen … und nein, es ist kein Backrezept.

Lasst euch überraschen und grüßt schön, wenn ihr meine Oma seht!