Die Mittwochsweisheit, Folge 10

Zugegeben, ich habe keine Krankenversicherung und entsprechend auch keine Gesundheitskarte. Das trifft sich, da ich

a) noch nie krank war und
b) nicht in der Lage bin, mich mit Krankheiten zu infizieren. Mit manchen würde ich mich höchstens identifizieren, aber auch das eher selten.

Dennoch möchte ich ein paar Worte zu dieser Thematik in den Äther schubsen, wenngleich Aristoteles es sicher gar nicht lustig fände, wenn ich seinen rein geistig erschlossenen allumfassenden Urstoff derart beschmutzte. Aber ach, Aristoteles legt heute auch lieber die Beine hoch und krault seine Mietze.

Früher, als ich noch jung war und die Menschin nicht kannte, da hieß die Gesundheitskarte noch Krankenkarte. Das passte, da sie von einer Krankenkasse ausgeteilt wurde, wenn man krankenversichert war. Man nutzte sie, wenn man krank wurde, dann ging man nämlich zum Arzt bzw. in härteren Fällen direkt in ein Krankenhaus. Und wenn man die Krankenkarte nicht mehr brauchte, dann war man wieder gesund. Nomen est omen, Kollegen!

Aber dann, wie so oft in dramatischen Filmen, wurde alles anders. Der Mensch, bei dem ich seinerzeit gastierte, bekam eine neue Karte zugeschickt, auf die plötzlich sein Foto draufgedruckt war (ich hatte ihm ja ans Herz gelegt, er solle ein Porträt von mir hinschicken, aber da hatte er sich bisschen enge), und die hieß fortan Gesundheitskarte. Und ei der Daus, schon wurde uns der Salat quasi in Tüten frei Haus unter den Abstreicher gematscht! Kaum war der Mensch mal wieder gesund, nahm er seine Gesundheitskarte und zog zum Gesundheitshaus, kam jedoch unverrichteter Dinge wieder zurück. Er telefonierte nach seiner Gesundheitskasse, musste niesen und bekam ein herzliches „Gesundheit!“ zu hören, dann stand er wieder still auf der Leitung. Nur in der Ferne hörte er einen einsamen Heuballen über eine verlassene Landstraße wehen. Dafür, wie gut und gesund er sich fühlte, konnte sich niemand so begeistern wie damals, als er krank mit der Krankenkarte durch Flure und Wartezimmer zog.

Wo haben wir nun das Problem? Keine Angst, ich händige jetzt keine handlichen Handspiegel aus. Aber ich muss sagen, dass diese Hau-ruck-Heranholung der Sprechakttheorie nicht ganz immer so mega … also, das hätte doch nicht sein müssen.
Wie wir alle wissen, ist ein Sprechakt eine sprachliche Handlung, die quasi greifbare Folgen in der Realität hat.
Beispiel: „Ich erkläre euch hiermit zu Mann und Frau.“ [Achtung: Nur gültig, wenn der Sagende das auch sagen darf, sonst könnte das ja jeder sagen und auf einmal wären die Menschin und ich verheiratet und DAS lohnt sich von der Steuer her nun echt nicht.]
Anderes Beispiel: „Sie sind hiermit entlassen!“
[Achtung: Nur gültig, wenn der Grund zu einer fristlosen Kündigung gegeben ist, ansonsten viel Spaß vor dem Arbeitsgericht.]

Prinzip verstanden? Gut. Dann Trommelwirbel, Tusch, Vuvuzela – hier kommt der Knackpunkt. Liebe Krankenkassen, nur weil die Krankenkarte der Menschen in „Gesundheitskarte“ umbenannt wurde, werden die Leute aber nicht automatisch wieder gesund! Und diese ganze Schönrederei kann einen doch krank machen, kann die! Also, in eurer Sprache dann sozusagen – gesund! Ja, das macht mich sowas von gesund, macht mich das, ich werde direkt mal zur Karte … ich hab keine Karte … ich nehme mir das Portemonnaie der Menschin und suche nach …

„Halt, Herr Hugo!“, kommandiert Frau von der Menschin und ich stehe stramm.
„Ist es so, wie es aussieht, oder sieht es nur so aus, wie es ist?“, fragt sie.
„Es ist nicht so, wie es nicht aussieht“, schlingere ich und lasse ihre Gesundheitskarte unauffällig in der Brusttasche meines Blaumanns verschwinden. Dann erkläre ich ihr in knappen 550 Worten, worum es ging.
„Aber Hugo“, wirft die Mietzahlerin mir zwischen die Füße, „warum heißt denn dann das Gesundheitsministerium nicht Krankenministerium?“

„Ja, meine Liebe … an solchen falschen Sprechungen krankt eben das ganze System.“

 

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