Die Mittwochsweisheit, Folge 2

Kinners, heute geht’s zur Sache. Zur „schönsten Sache der Welt“, sagen die einen. Die anderen fahren lieber Autoscooter, auch gut. Jeder nach seinem Garçon, das sagte ja schon der alte Fritz, wenn er seinen Kellner rief. Aber ich schweife ab.
Das X führte mich auf literarische Abwege – und ich hatte eigentlich beinahe schon die Finger wieder vom Buch zurückgezogen, aber dann mahnte die Menschin: „Das ist nichts für dich. Lies das bloß nicht!
Nun … Ihr wisst ja vielleicht, wie das ist. Das Gras auf der anderen Seite des Saumes ist immer wärmer, vor allem nachts (außer draußen). Wer befolgt denn schon Anweisungen wie „Vor dem Lesen vernichten!“? Und so schlich ich mich auf Zehenspitzen an den Nachtschrank meiner Mietzahlerin, wo diese unbedachterweise gleich den ganzen Marquis de Sade rumliegen hatte. Der Nachtschrank hat vielleicht geächzt! Die Menschin seufzte eher, denn sie schlummerte selig und da sie vorher den Gedanken des Marquis‘ lesenderweise gelauscht hatte, mag ich mir nicht auszumalen, was in ihrem Hirn an Träumen umherspucktespukte.
Da ich der kleine Bruder der Unauffälligkeit bin, gelang es mir, die von außen recht sauber wirkenden schmutzigen Seiten zu entwenden und mir in einer Nacht, quasi in einem Zug, nur ohne Zug, also quasi als wäre es ein normaler Tag bei der DB, jedenfalls zog es im Zimmer und ich mir das Buch rein und dann hatte ich es aber drin, das kann ich euch versichern. Wenngleich der Marquis de Sade einen gewissen Ruf hat (das Cover wirbt mit „Das berühmte Hauptwerk des berüchtigten Marquis de Sade“), habe ich mich berufen gefühlt, ihn zum heutigen Mittwochsweisen zu berufen, da er doch einige weise Weisen in sein angeblich so schmähliches Werk einzubauen verstand.

Obwohl ich davon ausgehen darf, dass jeder der geneigten Hugo-Begleiter ein Standardwerk wie die „Justine“ des Herrn de Sade in- und auswendig kennt, hier eine Zusammenfassung in drei Sätzen:

1) Juliette und Justine, die sich später aus Gründen der Verschleierung (und das 1787!) „Sophie“ nennt, werden recht früh zu Waisen, da ihr Vater sich verspekuliert hat und nach England absetzt, woraufhin seine zurückgebliebene Frau vor Schreck und Kummer den Löffel ablöffelt – ungünstig.

2) Während Juliette sich des schönen Lebens bedient, nachdem sie sich als kleines Hürchen bei einer Madame Du Boisson (heutzutage würde sie gewiss „Miss Poison“ heißen, thihi) die Sporen verdient hat („Im Verlauf von vier Monaten wurde ein und dasselbe Gut [Juliettes Jungfräulichkeit, Anm. d. H.] nacheinander an achtzig Käufer veräußert, welche es jeder als neu vergüteten.“), versucht ihre Schwester Justine, den Pfad der Tugend und Keuschheit zu beschreiten, doch sie wird an einem Stück hintergangen, vergewaltigt, zum Tode verurteilt, gequält und gedemütigt.

3) Schließlich finden die Schwestern einander wieder, Juliette rettet Justine vor dem Tod, doch dann wird diese bei einem Gewitter vom Blitz erschlagen.

[Ha, diese Zusammenfassung war besser als Wikipedia, was? Ich träume schon davon: Künftig werden Schüler, wenn sie das Pech die Chance haben, ein Referat vorbereiten zu dürfen, nicht mehr Wikipedia, sondern mich fragen! Eine Kori-Koryf-Koryphieine Größe meines Faches werde ich sein! Aber ich schweife schon wieder ab.]

Also mein lieber Herr de Sade, was ist denn bei Ihnen los? Unklar. Nicht nur, dass das Titelbild einen völlig fehlleitet, da man unweigerlich die Urform der fünfzig grauen Schatten erwartet, diesbezüglich aber gänzlich enttäuscht – tjaha, erst ge- und dann ent-! – wird, nein, außerdem schafft der Schussel es noch, in einen 1787 innerhalb von 15 Tagen niedergeschriebenen Roman, der seither doch sicher ein- oder zweimal gelesen wurde, mindestens drei Tippfehler einzubauen! Und das in der deutschen Fassung! [Herr Ullstein, da müssen Sie noch mal ran.] Der Marquis saß 31 seiner 74 Lebensjahre in Gefängnissen bzw. Irrenanstalten ein – jetzt wissen wir auch, warum. Aber was ich eigentlich sagen wollte. Warum zerre ich den Schöpfer eines solchen, so gar nicht „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ entsprechend harmonisch klingenden Werkes, auf das Podest der mittwöchlich einzunehmenden Weisheit?

Weil der Mann ein interessantes Bild von Moral hat. Juliettes Leben gilt zwar als jetzt allgemein nicht ganz so dolle, aber a) als durchaus üblich und b) dass sie drei ihrer Ehemänner zur Strecke bringt, um an deren Geld und ihre Freiheit zu kommen … Schwamm drüber! Justine hingegen, die durchweg versucht, gut zu sein, allerdings zugegebenermaßen ein wenig zu treuherzig ist [Ich würde einem Wildfremden nicht zwingend erzählen, dass ich keinerlei Familie/soziales Netz und dafür aber 100 Taler in der Tasche hab, aber gut … dann müsste ich ja auch lü  das spielt hier ja auch keine Rolle.], gerät ausgerechnet an die verdorbensten Gestalten, die die Gesellschaft so zu bieten hat, und wird in einem Zuge [oha, ich erkenne eine Verbindung zwischen uns] fertiggemacht. Ist das nicht gemein?

… [Ich gebe euch Raum zum Denken.]

Ja, das ist gemein! Ach, dieser Schlingel von Marquis de Sade. Musste ja erstmal drauf kommen. Und doch endet er mit einem feurigen Plädoyer für Tugend und den ganzen Kram: Es lohne sich nämlich, am tugendhaften Pfad ein Eis eisern festzuhalten, selbst wenn einen am Ende der Blitz trifft – weil dadurch wenigstens die lasterhafte Lästerschwester bekehrt wird, plötzlich all ihre Süden bereut und ins Kloster geht. Puh, ein Glück. Dann ist ja gerade noch mal alles gut gegangen.

Warum ich euch das alles erzählt habe? Nun, eigentlich fand ich nur mein Promo-Foto so toll und wollte das nicht unkommentiert stehen lassen. Und ich sollte euch vom Marquis schön grüßen. Neulich war da wieder so ein Sturm in der Bastille, hat er erzählt, da hat er sich fast einen Zug weggeholt. Beim dreifachen X, den sollte er zurückbringen! Aber das handeln wir ein andermal aus.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s