Die Mittwochsweisheit, Folge 1

Damit eins gleich von vornherein klar ist, ich entschuldige mich hier für überhaupt nichts. Ich kann ja auch gar nichts dafür, und wer etwas dafür kann, das sollte euch infolge eures eingängigen Studiums meiner geistigen Hinterlassenschaften eigentlich auch klar sein.
Wieder wurde ich ferngehalten, des Schreibens entzogen, in seelische Abgeschiedenheit verbannt, und deshalb freue ich mich umso mehr, dass nach derart langer Pause noch immer ein, zwei Augenpaare an diesem Beitrag hängen. Das ist lieb.

Als ich gestern bereits innig dabei war, einen intensiven Beitrag über den derzeit wieder äußerst penetrant anhaltenden Sturm zu veröffentlichen, fiel mir auf, dass ich das bereits vor einiger Zeit getan habe. Damals war’s halt Frühling, jetzt ist es Herbst, aber am Ende ist doch alles eine Soße. Die Jahreszeiten zicken einander an, keiner weiß, wer eigentlich dran ist und Hauptsache, wir machen erstmal Wind! Ach, das ist ein Elend. Aber ich schweife schon wieder ab.

Neulich war ich nämlich mit der Menschin im Theater und davon will ich euch berichten. Da meine werte Mietzahlerin netterweise neben der Brust auch eine Tasche dabeihatte, aus der ich unauffällig ein Auge nach draußen werfen konnte, war ich in der Lage, mir mal wieder ganz lässig Lessing zu geben. Und das kann ich ja jedem nur ans Herz legen.

Es ging um einen Mann, der gern auf Geschäftsreise war (über seine Aufenthalte in Hotels mit oder ohne Begleitung wurde leider geschwiegen) und einmal, als er wiederkam, fand er seine Tochter nur knapp dem Tode entronnen. Hatte die doch tatsächlich das Bügeleisen in der Mikrowelle gelassen und zack, so ein Haus brennt ja ganz gerne mal mit viel Schwung, vor allem wenn die Fassade mit Polystyrol gedämmt ist. Aber das holde Fräulein, im Schönheitsschlaf beinahe zärtlich von den Flammen angezüngelt, wurde von einem Tempelritter gerettet, der wacker in das brennende Haus hineinritterte. Nur das Bügeleisen war hin, aber tja.
Kaum mit der Rettung fertig, verschwand der Rettritter allerdings und war nicht mehr zu sprechen. Termine, Termine. Und als der geschäftsreisende Vater nun endlich nach Hause kam und eiligst zum Retter bretterte, um ihm seinen Dank und reiche Belohnung auszusprechen, war der noch immer nicht allzu begeistert von sich und seiner Courage. Dennoch ließ er sich nicht lumpen, mal auf ein Tässchen Tee im nun wieder nichtbrennenden Haus vorbeizuschneien und verliebte sich natürlich doch recht spontan und unsterblich in die Gerettete. Blöd, dass die sich später als seine Schwester rausstellte … was er mit einem „Ihr nehmt und gebt mir, Nathan! / Mit vollen Händen beides! Nein! Ihr gebt / Mir mehr, als Ihr mir nehmt! unendlich mehr!“ kommentiert.
Da dachte ich kurz, dass ich mir vielleicht zu Weihnachten eine Schwester wünschen sollte, wenn diese doch „unendlich mehr“ als eine Freundin ist. Hm. Aber ich schweife ab. Der Nathan, den der Tempelherr hier euphorisch anschreit, ist nämlich ein weiser Mann. Ein weiser Weiser, weißte? Der versteht sich darauf, weise zu weisen, und ich erkiese deshalb einige seiner Zeilen aus der hoffentlich im Publikum zur Genüge bekannten Ringparabel zur heutigen Mittwochsweisheit:

Nun, wessen Treu und Glauben zieht man denn
Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?
Doch deren Blut wir sind? doch deren, die
Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe
Gegeben? die uns nie getäuscht, als wo
Getäuscht zu werden uns heilsamer war?
Wie kann ich meinen Vätern weniger
Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt.
Kann ich von dir verlangen, daß du deine
Vorfahren Lügen strafst, um meinen nicht
Zu widersprechen? Oder umgekehrt.

In diesem Sinne, Kollegen. Denkt mal drüber nach.

Quelle der Zitate: Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise.

2 Gedanken zu “Die Mittwochsweisheit, Folge 1

  1. So eine Freude lieber Hugo, dass du nicht vom Winde verweht bist… Bring dich weiter tapfer bei deiner Menschin in Erinnerung, die braucht doch dein durchblickendes Auge… Halte durch und dich fest beim Sturm 🙂

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    1. Schön, dass Sie dabei sind, Frau Stübel! 🙂
      Tja, als Clark Gable der Gegenwart hat man eben so seine Pflichten. 😉 Und wenn die Menschin dann anrückt und säuselt: „Schau mit deinem Auge, Kleiner!“, da hat unsereiner halt keine Chance. 😀 In diesem Sinne schöne Grüße auch von Fred Astaire.

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