Das Dienstagsding, diesmal: Spinnen.

Wir haben jetzt ein neues Haustier, die Menschin und ich. Es ist eher ihr Haustier, weil es

a) kein besonders renommiertes Tier ist, weshalb ich es ihr nicht neide und
b) vor ihrer Wohnung wohnt – und man soll ja immer vor der eigenen Haustür kehren.

Und zwar, also, wie sagt man das charmant und nonchalant, ohne die Damen im Publikum der Ohnmacht in die Arme zu treiben … es ist eine Wachspinne. Bildmaterial erspare ich euch, weil sie auf Fotos immer die Augen geschlossen hat. Und das sieht ja nicht aus!
Sie sitzt im Türrahmen der Wohnungstür, von außen gesehen in der oberen linken Ecke, und chillt sich da einen. Und sie wacht. Ob sie uns allerdings be- oder überwacht, das konnte ich noch nicht endgültig abklären.

Ich habe die Wachspinne zur Sicherheit Brutus-Jolanthe getauft, da man sich nie sicher sein kann, mit wem man es da eigentlich zu tun hat. Aber ehe ich hier weiter nach dem Dativ frage, was am Ende eh wieder keinen interessiert – zumal der Dativ seit der Genitiv-Emanzipation ja einen dezent schlechten Ruf wegbekommen hat -, wenden wir uns mal wichtigeren Dingen zu: der Spinne an sich.

Das „Ding an sich“ ist, wie wir seit verkanteten Zeiten wissen, etwas, das auch ohne die Wahrnehmung durch ein Subjekt existiert. Auf gut Deutsch: Es ist da, egal, ob wir das wissen oder nicht. Dem Ding an sich ist das völlig schnuppi! Es ist ihm sogar lieber, vom Subjekt ignoriert zu werden, da es sonst chancenlos zum Objekt degradiert würde, zu einem Gegenüber, das betrachtet und untersucht werden könnte … und damit auch für Staubsauger oder Badelatschen angreifbar wird! Welchem Paradebeispiel könnte dies gefährlicher erscheinen als einer Spinne? Richtig, zwei Spinnen. Aber wir wollen mal die Kirsche im Korb lassen.

Seit ich das Rätsel um die philosophische Herkunft der Arachnoiden (Tjaha, ich kann auch gebildet tun!) gelöst habe, ist mir so einiges klar geworden. Kennt ihr das nicht auch, dass ihr wochenlang unbedarft durch eure Gemächer schreitet, immer die gleichen Wege entlang, immer mit derselben wohlig-kuschligen Gewissheit, dass es in eurer Residenz nichts gibt, was eurer Eudämonie im Wege stehen könnte … und am Tag X – der Name ist Programm – sitzt ausgerechnet in einer Ecke, die seit dem letzten Millenniumswechsel rein und unberührt war wie der erste Neuschnee, also, oha, ich verheddere mich wie in einem Netz in diesem Schachtelsatz, in der Ecke jetzt also, da sitzt mir nichts, dir nichts ohne jede Vorwarnung … plötzlich eine Spinne!
„Himmel, X und Zwirn!“, denkt ihr euch. „Das kann doch nicht sein, die war doch vor einer Sekunde noch nicht dort! Und ich habe doch weder Türen noch Fenster, genau genommen wohne ich zehn Meter über dem Erdkern, ES IST VÖLLIG UNMÖGLICH, dass sich diese Spinne dort jetzt materialisiert!“

Ja, das denkt ihr, aber ihr habt die Rechnung ohne Miss Achtbein gemacht. [Der doch egal, was ihr für unmöglich haltet! Die fährt Toyota!] Lässig schlägt sie zwei ihrer Extremitäten über zwei andere, führt eine Zigarettenspitze zwischen ihre Hauer und säuselt lüstern: „Beim Immanuel, jetzt machst du mich aber zum Objekt!“

So ähnlich war das auch bei Brutus-Jolanthe und die Menschin befand sich bereits knapp an der Grenze, sich zu devitalisierenden Maßnahmen hinreißen zu lassen … aber die Sache ist nun die:

a) Brutus-Jolanthe raucht nicht.
b) Sie wohnt im Treppenhaus, also außerhalb unseres Hoheitsgebietes.
c) Sie wacht über uns. Seit ihrer Anwesenheit wurden wir kein einziges Mal überfallen!
d) Sie grüßt immer freundlich. Und es ist schon ein gutes Gefühl, wenn du nach Hause kommst und jemand wartet auf dich.

Also haben wir Recht vor Ungnade ergehen lassen und uns arrangiert. [Vielleicht können wir die Hausordnung auf sie abwälzen, wenn sie so lange hier ist, dass sie quasi als eingebürgerter Hausmitbewohner gelten könnte.] Vorerst mache ich auch keine blöden Witze mehr darüber, wenn die Menschin mal wieder ausruft: „Ich glaube, ich spinne!“

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